Ausgezeichnet gefälscht

20.12.2018

Relotius stuft sich selber als krank ein. Vielleicht ist er es, dann aber geworden, gemacht von einer kranken Branche; von Dinosauriern, die sich nicht anpassen, stattdessen ihren antiquierten Stempel auf neuzeitliche Entwicklungen drücken, aber nicht die fundamentalen Veränderungen akzeptieren. Gerade der Spiegel, wo aus jedem Satz eingebildete Selbstgefälligkeit und Arroganz quillt, wo die Storys nur als Mittel zum Zweck der eigenen Beweihräucherung und Darstellung missbraucht werden; wo man vor lauter selbstverliebter Borniertheit nun auf dem eigenen Schleim ausrutscht. Wer einer Knalltüte wie Sascha Lobo eine Bühne bietet, hat den Wechsel in eine eigene Realität nicht bemerkt. Die Eitelkeit ist heftig lädiert. Heuchlerisch wird die Offenbarung als Akt der zerknirschten Reue inszeniert, um sich das angekratzte Image zu lecken. Selbst wenn die gesamte Leserschaft wegbrechen würde, käme man dort nie auf die Idee, dass es an einem selbst liegt. Schuld hat alles andere – geänderte Umstände, Gewohnheiten, Wahrnehmungen –, aber nicht das eigene Unvermögen, weil gerade für eine derartige Erkenntnisfindung die vermeintlichen Qualitäten nicht reichen. Als Whistleblower würde ich dem Spiegel nichts zuspielen, aber einige scheinen da einer veralteten Vorstellung hinterher zu hinken.

Als Nachtrag (22.12.2018) empfehle ich die besonders lesenswerten Ausführungen von Mathias Bröckers, der die aufgesetzte Affektiertheit und profane Effekthascherei genüsslich zerlegt.

„Spiegel“-Reporter manipulierte jahrelang Geschichten (DWDL)

Ex-„Spiegel“-Reporter Relotius wird erster Preis aberkannt (DWDL)